Unsere Ehrenamtler: die Deutschlehrerin, der Computerexperte, der Fahrradschrauber

Unter diesem Titel wollen wir in loser Folge Menschen vorstellen, die bei den SonntagsDialogen ehrenamtlich ihre Arbeitskraft zur Verfügung stellen. Sie sind das Fundament unserer Vereinsarbeit, ohne sie könnten wir unsere Ziele nicht erreichen. Ihre unterschiedlichen Lebensgeschichten und seit wann und wie sie sich ehrenamtlich engagieren, können Sie hier lesen. _____________________________________________________________________________________________

Beginnen werden wir mit drei Personen , die stellvertretend für drei Säulen der Vereinsarbeit stehen: Unterstützung beim Spracherwerb (die Deutschlehrerin Hilli), Einstieg in oder Erweiterung von digitalen Kompetenzen (der Computerexperte Amrit) und Hilfe zur größeren Mobilität durch Reparatur und Ausgabe von Fahrrädern (der Fahrradschrauber Jürgen)

Die Deutschlehrerin: Hilli H.

Seit knapp 10 Jahren hilft Hiltrud H., von allen nur Hilli gerufen, ehrenamtlich bei den SonntagsDialogen. Sie bietet wöchentlich drei Stunden begleitenden Deutschunterricht für Anfänger und Fortgeschrittene an und fördert damit maßgeblich die Fähigkeit der neu Angekommenen, sich in dieser für sie fremden Welt zurechtzufinden.

Zu den SonntagsDialogen ist sie über ihren Besuch eines Flohmarktes für das Krähenbad gekommen. Dabei lernte sie Helfer und Aktive der SonntagsDialoge kennen, die die Deutschlehrerin Hilli für Sprachunterricht im Verein gewinnen konnten.

Hilli war schon ihr Leben lang Lehrerin, aber sie hat kein ganz gewöhnliches Lehrerleben geführt. Hilli und ihr Mann, ein Lehrer für naturwissenschaftliche Fächer, verbrachten einen Teil ihres Berufslebens in Afrika. Nach dem Berufseinstieg auf Fehmarn wagten sie zusammen einen ersten Schritt in eine ganz andere Welt und gingen als entsandte Lehrkräfte für fünf Jahre an die Deutsche Schule in Kairo – ein stärkeres Kontrastprogramm kann man sich kaum vorstellen. Entsandte Lehrkräfte müssen nach einigen Jahren wieder zurück nach Deutschland, so sind die Regeln. Und so folgte auf die lebendige, laute Riesenstadt Kairo, in der sie auch 1973 den Jom Kippur-Krieg mit Israel erlebt hatten, das kleine friedliche norddeutsche Mölln. Nach zwei Jahren zog es Hilli und ihren Mann aber wieder nach Afrika, und im Laufe der Jahre folgten Stationen in Soweto bzw. Johannesburg in Südafrika, noch zu den Zeiten der Apartheid, Lesoto für Hillis Mann, wo sie ihn oft besuchte und als letzte Einsatzstelle im Ausland drei Jahre in Zimbabwe. Seit 1996 lebten und unterrichteten sie dann wieder in Mölln.

Die langen Auslandsaufenthalte haben beide Ehepartner geprägt. Hilli kann zum Beispiel gar nicht verstehen, dass viele hier über Kleinigkeiten, über alles und jedes meckern, ohne jemals mit wirklicher Not konfrontiert gewesen zu sein. Und Gründe für eine Flucht aus dem Heimatland kann sie besser begreifen als Menschen, die noch nie in Ländern gelebt haben, in denen politische oder ökonomische Katastrophen bis hin zu jahrelangen Kriegen zu wirklicher Existenznot führen.

Nach der Pensionierung zog das Ehepaar 2008 von Mölln nach Lübeck. Aber Hilli konnte das Unterrichten nicht lassen, zu Beginn gab sie hier Kindern einer Hauptschule ergänzenden Englischunterricht. Das ließ sich aber aus organisatorischen Gründen nicht aufrechterhalten. So fand ihre Hilfsbereitschaft einen anderen Ort, die SonntagsDialoge. Zwar sind ihre Schüler heute Erwachsene, doch ist es der gleiche Unterrichtsstoff, den sie seit Jahrzehnten vermittelt. Nur zieht sie heute nicht mehr in die Ferne zu ihren Schüler*innen, sondern diese kommen aus vielen Ländern zu ihr, im Moment etwa aus Weißrussland, Syrien, Iran, Afghanistan und Togo. Etwas traurig stimmt sie, dass sie manchmal nicht einmal erfährt, ob die Schüler ihre Prüfungen, auf die sie gemeinsam mit Hilli hingearbeitet haben, schließlich auch bestanden. Hillis Freude über die Fortschritte ihrer Schützlinge kann das nicht wirklich trüben.

Der Computerexperte: Amrit S.

Amrit ist seit gut 5 Jahren eine überaus wichtige Stütze des Vereins. Er kümmert sich um alle digitalen Angelegenheiten: Er betreut nicht nur die Webseite, er hat sie auch gestaltet und eingerichtet. Er gibt unseren Neu-Lübecker*innen Unterricht im Umgang mit dem PC und dem World Wide Web. Außerdem ist er jederzeit bereit, Fragen zu beantworten und Probleme zu lösen, die die nicht so EDV- Bewanderten Jüngeren und Älteren ihm stellen – und dabei bleibt er stets gut gelaunt und freundlich.

Man muss ihm hoch anrechnen, dass er sich dafür die Zeit nimmt, denn wie alle ausländischen Studierenden steht er seit seiner Ankunft 2015 unter hohem Erfolgszwang. Amrit kam nach Deutschland, um einen Bachelor in Informatik zu machen. Er erhielt eine Zulassung zum Studium in Erfurt, auf die er sich von seinem Heimatland Nepal aus beworben hatte, und bekam ein Studierendenvisum. Neben seinem Abitur in Nepal war eine weitere Voraussetzung zur Zulassung an einer deutschen Hochschule ein 13. Schuljahr Jahr in einem sogenannten Studienkolleg. Es gelang ihm, einen Platz in Hamburg zu bekommen. Die Aufnahmeprüfung in Erfurt hatte er zu Beginn seines Aufenthaltes nicht bestanden, doch nach dem Studienkolleg und mit viel besseren Deutschkenntnissen wurde er zum Studium an der Universität Lübeck zugelassen. Das war auch nötig, denn innerhalb von 2 Jahren nach Einreise muss das Studium aufgenommen werden, sonst läuft die Aufenthaltsgenehmigung ab.

Der Druck auf die ausländischen Studierenden ist hoch, viele nicht bestandene Prüfungen können sie sich nicht leisten. Alle zwei Jahre wird ihr Status von der Ausländerbehörde überprüft. Nachweisen müssen sie auch, dass sie ordnungsgemäß versichert sind und für ihren eigenen Unterhalt aufkommen können. Bafög erhalten Studierende aus Ländern außerhalb der EU nur unter ganz besonderen Umständen, die auf Amrit nicht zutreffen. Zu der Studienleistung kommt also auch noch eine Lohnarbeit, die ihm sein Auskommen sichert. Amrit hat das Glück, dass sein älterer Bruder in Lübeck Medizin studiert. So können sie sich die Lebenskosten wenigstens teilen. Er arbeitet in Beratung und Vertrieb eines Computershops, nimmt aber auch Aufträge für Webseiten – Design an. Aufgeregt ist er trotzdem jedes Mal, wenn er wieder zur Ausländerbehörde muss.

Dass er neben all diesen Aktivitäten, die schon genug für einen vollen Tag sind, auch noch unermüdlich sein Ehrenamt bei den SonntagsDialogen ausfüllt, können wir ihm gar nicht genug danken. Er lernt dabei viele Leute kennen und hat stets Ansprechpartner. Das ist ihm wichtig, auch wenn es zumindest unter den Flüchtlingen viel Wechsel gibt.

Wie es nach Abschluss seines Studiums, der kurz bevorsteht, weitergehen soll, weiß Amrit noch nicht. Vielleicht beginnt er noch einen Masterstudiengang, vielleicht kann er für ein paar Jahre in Deutschland arbeiten. Er will aber auf jeden Fall nach Nepal zurückkehren und dort beim Aufbau moderner Strukturen helfen.

Der Fahrradschrauber: Jürgen K.

Jürgen K. hilft seit gut 5 Jahren bei allen Vereinsaktivitäten, die mit Fahrradfahren zu tun haben. Er leitet die im Moment wegen Corona leider geschlossene Fahrradselbsthilfewerkstatt, in der die gespendeten Fahrräder verkehrstüchtig gemacht werden. Diese Aufgabe müssen die Fahrradanwärter*innen selbst übernehmen, Jürgen hilft ihnen dabei mit Anleitung, Werkzeug und Ersatzteilen. Er übernimmt aber auch die Aufgabe, durch Theoriekurse die neu ausgerüsteten Fahrradfahrer selbst verkehrstüchtig zu machen, denn ohne Kenntnis der teils lebenswichtigen Regeln wären die Neu-Radler eine Gefahr für sich und andere.

Anders als die beiden anderen hier vorgestellten Ehrenamtler hatte Jürgen in seinem Berufsleben nichts mit dem Bereich zu tun, in dem er jetzt den Verein unterstützt. Jürgen hat (fast) sein ganzes Leben an, auf oder wenigstens ganz in der Nähe der Ostsee verbracht. Geboren und aufgewachsen in Fehmarn, wurde er nach einer Gärtnerlehre Mitglied der Bundespolizei See in Neustadt. Obwohl er sein ganzes Berufsleben über bei diesem einen Arbeitgeber angestellt war, nahm er Aufgaben in sehr unterschiedlichen Feldern wahr. Er tat Dienst bei der Landeinheit als Kraftfahrer und nach einer weiteren Ausbildung als Sanitäter. Mit einer seemännischen Schulung schließlich wurde er Teil der maritimen Kriminalitätsbekämpfung. Sehr weit weg von der Ostsee verbrachte er nur das Jahr 1994/95 bei einem (freiwilligen) Einsatz als Sicherheitsbeamter der deutschen Botschaft in Usbekistan.

2014 wurde er pensioniert und das Ehepaar K. zog nach Lübeck, den Ort, den sie schon immer gern besucht hatten, um an Kulturveranstaltungen teilzunehmen. Hier half Jürgen 2015 beim Umbau des Praktiker-Markts zur Unterbringung von Flüchtlingen und kam so mit der Flüchtlingshilfe in Kontakt. Seine Spezialisierung auf den Bereich Fahrräder für Flüchtlinge begann mit seiner Arbeit beim ADFC, schließlich kam er zu den SonntagsDialogen und unterstützte die Renovierung und Einrichtung der Fahrradselbsthilfewerkstatt am Kolberger Platz. Die Werkstatt war immer auch Treffpunkt der Migrant*innen und bald arbeitete Jürgen mit Menschen aus Eritrea, dem Iran und Syrien an der Aufrüstung der gespendeten Fahrräder. Da er über das hinaus, was alle über Fahrradreparaturen wissen, kein Fachmann war, bildete er sich selbst mit Hilfe von YouTube – Videos weiter, wie er erzählt.

Inzwischen musste die Werkstatt am Kolberger Platz leider aufgegeben werden, Jürgen und seine Helfer haben aber ein neues Quartier in der Astrid Lindgren Schule in Moisling gefunden. Wenn die Pandemie es endlich wieder zulässt, wird die Werkstatt erneut zu einem zentralen Stützpunkt der Vereinsarbeit werden. Neue Helfer wären hoch willkommen!