Besuch der Ausstellung „Ostwind“ des Syrers Manaf Halbouni im St-Annen-Museum am 31.10.2020

Ein überraschender Perspektivwechsel!

Eine Führung mit der Kuratorin der Ausstellung, Dr. Antje-Britt Mählmann

Die Herkunft des Künstlers Manaf Halbouni – in Damaskus 1984 geboren, Vater Syrer, Mutter Deutsche aus Dresden – hat sicherlich entscheidend seine künstlerisch und gesellschaftlich kritische Haltung beeinflusst. Viele seiner Exponate setzen sich auf unterschiedliche Art und Weise mit der Ablehnung von Fremden und ihren gesellschaftlichen Folgen auseinander. So wird in einer Installation mit bewegten Sperrpollern die Abgrenzung von Teilen der Gesellschaft demonstriert. Dabei sind zwei Versionen des Rufs „Wir sind das Volk“ zu hören: beim Hochfahren  aufgenommen bei einer Pegida-Demonstration 2019 in Dresden, beim Herunterfahren bei den Leipziger Montagsdemonstrationen 1989. Gleicher Ruf, jedoch völlig andere Ziele: Abgrenzung gegen Freiheit.

Ein zweiter Teil der Ausstellung befasst sich mit Halbounis imaginärer Vorstellung „Was wäre, wenn …?“ – wofür er die Kunstfigur des General Yusef Hamid erdacht hat. Diese Fantasie besagt, dass das osmanische Reich Europa überlegen und industriell führend ist und neue Absatzmärkte benötigt. Daher führt er eine militärische Eroberung des rückständigen Europas durch. Als Folge dieses Krieges wollen viele Menschen fliehen, eindrucksvoll sichtbar in der Installation mit dem Titel „Sachsen auf der Flucht“. Sie zeigt zwei Fahrzeuge, auf deren Dachgepäckträgern verschiedene wichtige Fluchtutensilien befestigt sind. Europa tauscht auf diese Weise seine Rolle mit einem Land im Nahen Osten, eine sicherlich unbequeme Sichtweise.

In jedem Raum reflektieren Gemälde aus der Sammlung der Kunsthalle St. Annen, von Halbouni selbst ausgewählt, seine Sicht auf Politik und Gesellschaft.

Und wie war es für uns?

Dass die Ausstellung dennoch nicht bedrückend wirkte, lag sicherlich auch an der kreativen, oft ironischen, manchmal durchaus humorvollen Umsetzung der Thematik.

Sprachlich war es für einige unserer Teilnehmer:innen nicht immer leicht, den Ausführungen zu folgen. Doch zusätzliche Erklärungen und die starke Aussagekraft von Halbounis Exponaten erleichterten das Verständnis.

Was bleibt?

Eine beeindruckend kritische und kreative Ausstellung, deren Besuch sich gelohnt hat.

 

Der Besuch und die Führung durch die Ausstellung wurden durch eine Zuwendung aus dem Integrationsfonds der Hansestadt Lübeck ermöglicht.